Treffen im Garten des Todes

Nach schier endlosen Minuten zu Pferde erreicht Selin endlich ihr Ziel! Ein alter Friedhof, verlassen und heruntergekommen. Die Mauern sind teilweise verfallen und mit Efeu überwuchert. Das eiserne Tor hängt verrostet nur noch an einer Angel zwischen den Säulen. Mit einem schnauben springt Selin aus dem Sattel des schwarzen Schlachtrosses. Sanft streicht sie dem Tier über den Hals ehe sie ihre Ausrüstung ablädt. Dabei handelt es sich um ein paar Phiolen sowie einem silbernen Langschwert mit reich verziertem Knauf und Parierstange. Die Rüstung der Anwärterin besteht aus einem Plattenkürass, Arm und Beinschienen, sowie Stiefel und Handschuhen. Natürlich darf auch der weiße Überwurf mit dem Symbol der Kreuzritter nicht fehlen. Die Rüstung glänzt im sanften Mondlicht während Selin das Schwert noch einmal genau in Augenschein nimmt. Ein richtiges Meisterwerk! Wunderschön und doch so tödlich, aber vor allem die geeignete Waffe für ihre Aufgabe!

Mit dem Schwert fest in der Hand und einem entschlossenen Blick in den rubinroten Augen bewegt sich Selina auf das Tor zu. Ihre kurzen, weißen Haare werden leicht vom Nachtwind in Bewegung gebracht. Hinter ihr Wiehert das Ross ein wenig unruhig. Die Rüstung der  Anwärterin klappert kaum hörbar während sie sich auf das leicht verrostete Tor zu bewegt. Ein leise quietschen ertönt als die Rotäugige die Pforte zum Totenacker langsam aufschiebt und eintritt.

Die Grabsteine und Engelsstatuen hatten auch bereits bessere Tage gesehen. Dass dieser Friedhof nicht oft besucht wurde, deutet der Zustand mehr als deutlich an. Aber genau das ist Selin nur allzu bewusst. Immerhin ist es auch kein Zufall, dass sich die junge Rittersfrau, bewaffnet mit einem unbezahlbaren Artefakt des Ordens, hier einfindet. Wachsam lässt sie ihre Augen über die einzelnen, überwucherten und teils zerfallenen Gedenkstätten wandern. Die sanften Schatten des Mondlichtes verleihen dem Friedhof eine ganz eigene Atmosphäre, wie eine warme Decke, welche das Frösteln verhindert. Trotzdem oder eher gerade deswegen ist Selin besonders Wachsam. Geräusche sind bis auf die vom Wind berührten Blätter keine zu vernehmen. Ein weiteres Anzeichen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Plötzlich dringt das Geräusch von auf Stein schabenden Krallen an Selins Ohren! Wie das Quetschen einer Schiefertafel, so voll geladen mit Unbehagen dringt es an die Ohren der Kreuzritterin. In einer fließenden Bewegung dreht sie sich in die Richtung des Geräuschs und hebt die Waffe über den Kopf. Mit zusammen gepressten Kiefer und angespannten Körper sucht die Frau den Ursprung des Geräuschs. Da! Ein Funkeln! Die Waffe wandert seitlich nach rechts hinten, bereit sofort eingesetzt zu werden. Ein Schatten springt über zwei Grabsteine und bleibt anschließend sitzen. Das Mondlicht wird in den Augen der grauen Katze reflektiert. Sichtbar entspannt sich Selin und lässt die Luft mit einem Seufzer aus der Lunge entweichen. Das Tier wirft der Frau noch einen kurzen, man möchte fast sagen zweifelnden Blick zu, ehe sie vom Grabstein springt und mit erhobenem Schweif beim Tor hinausspaziert. „Nur eine Katze“, murrt Selin mit einem leichten Grinsen auf den blassen Lippen ehe sie ihren Blick wieder über die Denkmäler der Toten wandern lässt.

Langsam erreicht Selin den Teil des Friedhofes in welchem sich die Grüfte befinden. Je weiter sie sich diesem Teil nähert desto angespannter wird sie. Ein leichter Nebel schlängelt sich nun zwischen den Gräbern hin und her während die Anwärterin wachsam einen Fuß vor den anderen setzt. Das Mondlicht scheint derweil immer schwächer zu werden je weiter sie sich den Grüften nähert. Misstrauisch wandern die Augen der Frau immer wieder zwischen den einzelnen Schatten hin und her. Mehr als einmal hätte sie schwören können, dass sich dort eine Gestalt verborgen hielt, aber nie war etwas zu sehen. Letztlich erreicht Selin die Mausoleen.

Hier scheint das Licht des Mondes nur noch schwach zu leuchten während der Nebel dicht auf dem Boden liegt. Die Stille ist entnervende und der Geruch von Fäulnis liegt dick in der Luft. Mit leicht kraus gezogener Nase sieht sich die junge Ritterin die Grüfte an. Drei sind es, alle etwas verfallen und überwuchert. Aber nur eine steht offen während bei den anderen die verrosteten Türen fest verriegelt sind. „Ich hätte dich eine Laterne mitbringen sollen!“, murrt Selin ein wenig verdrossen ehe sie zielstrebig auf das offen stehende Tor der Gruft zubewegt. Der Geruch nach Verwesung dringt stark aus der Gruft. Kurz schließt sie die Augen und wappnet sich gegen den Gestank ehe sie eintritt.

Ihr Versäumnis stellt sich schon schnell als Belanglos heraus. Nur nach wenigen Metern brennen Fackeln an den Wänden und tauchen die Gänge der Gruft in ein schauriges Licht. Überall wuchern Moose und Flechten während die Stille nur durch das knistern der Feuer und die Schritte des Eindringlings unterbrochen wird. Mit dem Schwert fest in der Hand schreitet Selin weiter durch die Katakomben. Vor jeder Biegung oder Treppe hält sie kurz inne um den weiteren Verlauf der Gänge zu prüfen. Nach und nach führen die Tunnel tiefer unter das Erdreich bis Selin eine große Grabkammer erreicht.

Die Wände sind mit verwitterten Grabnischen versehen, auf welchen die Namen der Verstorbenen kaum noch zu lesen sind. Zwei Särge aus Hein sind in der Mitte platziert während rund herum Fackel das Grab schaurig flackernd beleuchten. Für Selina ist das jedoch belanglos! Das erste was ihr in die Rubinaugen sticht, sind die Zeichen schwarzer Magie! Blutspritzer auf den Särgen und Wänden, ein Schädel mit Fleischresten, schwarze Kerzen und vor alle die in Schatten gehüllte Gestalt am Ende des Raumes. Außerdem kann Selin die Grabeskälte fühlen, welche nur durch eine Art der Magie erzeigt wird: Nekromantie!

„Ein Nekromant! Warum ausgerecht ein Nekromant!“, flucht Selin leise während sie ihr Schwert mit beiden Händen fester greift. Und dabei wurde ihr in der Ausbildung immer wieder eingebläut, dass man einen Nekromanten nie in seinem Versteck stellen soll! Zumindest nicht alleine. Vorsichtig versucht die Anwärterin des Ordens sich leise der Gestalt zu nähern. Ein Stoß! Es würde nur einen Stoß der Silberklinge brauchen und schon wäre die Gefahr gebannt! Allerdings ist es nicht ganz so einfach mit der schweren Rüstung sich an jemanden anzuschleichen. Überraschenderweise gelingt es Selin aber recht gut. Nur noch ein paar wenige Schritte ist sie von dem Nekromanten entfernt, fast in Reichweite des Schwertes! Angespannte hält sie die Luft an und macht einen weiteren Schritt. Zugleich holt sie leicht mit dem Schwert aus. Sie hat nur eine Chance das Problem sofort zu lösen! Und diese eine Chance musste sitzen!

Als die Kreuzritterin gerade zum Schlag ausholen will, dreht sich die Gestalt plötzlich zu ihr um! Ein teuflisches, Totenkopfgrinsend starrt ihr aus der dunklen Kapuze entgegen. „Ich hab auf dich gewartet. Alles was mir für mein Ritual noch fehlt, eine christliche Jungfrau!“, höhnt die Gestalt und bewegt die Hände in seltsame Muster. Keinen Moment zu früh hebt Selin ihr Schwert schützend vor sich. Im nächsten Moment explodiert die Jungfrau in grelle, blendende Farben. Als sie die Augen wieder öffnet, befindet sich Selin überraschend wieder in der Mitte des Raumes, aber immer noch in derselben Stellung in welcher sie sich für den Zauber gewappnet hatte. Der Nekromant sieht sein Opfer ungläubig an.

„Du solltest in Ketten liegen! Was für ein Zauber ist das? Egal! Ich muss dich nicht rituell Töten, es reicht wenn du einfach stirbst!“, brüllt der schwarze Magier wütend und mit hallender Stimme ehe er erneut mit seinen Händen Symbole in die Luft zeichnet. Selin würdigt ihren Gegner nicht mit einem Wort, beobachtet aber wachsam was nun geschehen würde. Die Lösung kommt schneller als erwartet. Kaum das der Magier mit seinem Zauber fertig ist, zerbersten die Seiten der beiden mittigen Särge mit einem lauten Knall. Zwei Skelette erheben sich daraus, behangen mit zerfetzen Kleiderstücken und mit Spinnweben zwischen den Knochen.

Antrainierte Reflexe lassen die junge Frau sofort nach hinten zurückweichen, sodass sie ihre beiden untoten Gegner direkt vor sich hat. Das Problem mit Skeletten ist, dass man ihre Handlungen nicht vorhersehen kann. Weder ist eine Mimik noch andere Möglichkeiten, wie Augen, vorhanden. Die sicherste Methode mit solchen Gegnern fertig zu werden ist, sie schnellstmöglich mit ein paar gezielten Angriffen außer Gefecht zu setzen und sich anschließend um das eigentliche Problem zu kümmern.

Selin umgreift den Griff ihres Schwertes fester, behält die beiden Skelette im Auge und taxiert sie vorsichtig. Diese bewegen sich zugleich langsam auf die Anwärterin zu. Genau im richtigen Moment führt Selin ihren Angriff aus. Ein schneller Schritt nach vorne, ein Schlag von oben durch das erste Skelett, das grausige Geräusch brechender Knochen und schon fällt der erste Gegner klappernd in sich zusammen. Zugleich aber greift das zweite Skelett nach der potenziellen Jungfrau und erwischt sie schabt mit den knöchernen Fingern quietschend über den Kürass. Selina verzieht bei dem Geräusch schmerzhaft das Gesicht. Nach bevor der Riss in ihrem Überwurf aber zu tragen kommt, dreht sich die Rittermaid auf dem Absatz des rechten Stiefel und zieht mit dem Schwung schön durch. Erneut erklingt das Geräusch von beratenden Knochen während der Schädel mit einem lauten Knall gegen die Wand kracht.

Mit einem tiefen Atemzug wendet Selin abschließend ihren Blick wieder zu dem Nekromanten. Wie aus dem nichts rast ein grüner Feuerball direkt auf sie zu! Reflexartig reißt sie sie Arme nach gen um ihr Gesicht zu schützen. Heiß leckt das verderbte Feuer über ihren Körper, verbrennt den Wams in einem Augenblick zu Asche, ehe das Opfer auf die Knie fällt. Das irre Lachen des schwarzen Magiers hallt durch das Mausoleum. „Nun ist das Ritual vollständig und unbegrenzt Macht ist mein!“, gackert der Totenbeschwörer wie Irre während er seinen Blick auf etwas in der dunklen Ecke hinter ihm richtet. Ein wimmern dringt daraus hervor. Erneut lacht der schwarze Magier finster und verrückt. „Kein Grund zu jammern! Du und dein ganzes Rudel sind bald Geschichte!“, antwortet er finster auf das Geräusch.

„Da wär ich mir nicht so sicher!“, kommt eine Stimme von hinten. Überrascht dreht sich der Magier um nur um den brennenden Schmerz der Silberlinge kurz zu spüren bevor sich der Kopf vom Körper löst. Das letzte was der Nekromant sah, war das gerötete Gesicht der Rittermaid welches bereits wieder ihre natürliche, weiße Hautfarbe annimmt. Erschöpft keuchend richtet sie sich noch angestrengt auf nur um das Schwert anschließend in das Herz des schwarzen Magiers zu stoßen. Anschließend sackt sie auf die Knies und schließt schwer atmend die Augen. Das Ordenswams ist vollständig verbrannt während die Rüstung aussieht als wäre sie völlig verdeckt und ausgebrannt. Die Scharniere der Rüstung quietschen bei der kleinsten Bewegung.

„Bist du in Ordnung?“, fragt nach einer Weile eine zögerliche Stimme. Leicht lächelnd öffnet Selin ihre Augen nur um dort ein kleines Mädchen von vielleicht sechs Jahren in einem schmutzigen Kleid und mit Teddybären zu sehen. Mit einem Keuchend und unter protestierendem Quietschend der Rüstung rafft sich Selin auf und meint freundlich: „Mir geht’s gut. Dein großer Bruder wartet auf dich!“

Über Neko

Freche kleine Katze mit einer Leidenschaft für Bücher und Geschichten :3 Meow!
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2 Antworten zu Treffen im Garten des Todes

  1. letternwald schreibt:

    Ist das ein Ausschnitt einer längeren Geschichte? Wäre ein guter Anfang…

    Gefällt 1 Person

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