Wie die Engel das Schleichen lernten

Am Heiligen Abend sind die Englein immer besonders fleißig. Lautlos und geschwind verteilen sie die Geschenke unter den Christbäumen und ehe jemand etwas merkt sind sie auch schon wieder verschwunden. Manche mögen nun denken, dass das selbstverständlich für die Englein wäre, sind sie uns doch als unsichtbare Helfer in der Not bekannt. Dem ist allerdings nicht so. Das genaue Gegenteil ist der Fall. In frühen Tagen traten die Engel immer pompös und lautstark auf, mit flammendem Schwert und von Trompeten begleitet. Die Kunst des leisen Bewegens aber erlernten sie von jemanden ganz Unerwartetem.

Damals hatte das Christkind gerade beschlossenen, den lieben Kindern auf der ganzen Welt an seinem Geburtstag Geschenke zu machen. Natürlich konnte es das nicht alleine schaffen. Daher wurden die Engelschöre angerufen, um bei den Geschenken zu helfen. Die Englein, ob groß ob klein, ob dick oder dünn, egal welchen Standes und welchen Chores rissen sich regelrecht darum dem Christkind zu helfen. Mit dem ganzen himmlischen Gewusel im Schlepptau machte sich das Christkindlein auf, um seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Damit das erste Weihnachtsfest ein voller Erfolg wird, musste die Aktion aber erst einmal geprobt werden. Abseits, im Wald, weit weg von den Menschen, sammelten sich die Engel. Eine alte, verlassene Hütte sollte als Übungsort herhalten. Da aber das Jesuskindlein sich darin aufhalten sollte war die erste Aufgabe der Engelsscharen aus der halben Ruine ein wohnliches Heim zu machen. In nur wenigen Stunden zeigten die Engel ihr Handwerksgeschick und machten aus der alten Hütte ein wunderschönes Häuschen mit Kamin und rotem Schindeldach. Nur leise waren sie dabei nicht vorgegangen.

Angelockt von dem Lärm der himmlischen Handwerker sammelten sich die neugierigen Waldtiere. Spatzen, Spechte, Kohlmeisen und viele andere bunte Vöglein zischten durch die Englein um einen Blick auf das Werk und das Christkind zu erhaschen. Maus, Fuchs und Igel versuchten sich am Boden dem Kindlein zu nähern. Aber die Engel waren zu wachsam und hielten die Tiere davon ab zu nahe heran zu kommen. „Wir üben hier. Ihr dürfte uns nicht stören!“, sagten die Engel freundlich aber bestimmt zu den Waldbewohnern und nach einigen Versuchen sammelten sie sich am Rand um dem Treiben zumindest aus der Ferne zuzusehen.

Und so begann die erste Übung. Das Christkindlein lag warm und gemütlich im Bettchen und schlummerte friedlich, während draußen die Engel alles vorbereiteten. Der Baum war bereit, musste nur noch geschmückt werden, mit bunten Kugeln, Kerzen und Engelshaar. Die Geschenke waren fertig verpackt und warteten nur noch ungeduldig darauf unter den Baum zu kommen. Alles sah perfekt aus, als könnte nichts schief gehen. Doch dann setzten die Engel sich in Bewegung! Licht erstrahlte, Fanfaren ertönten und noch bevor auch nur ein Engelein im Haus war, stand das Jesuskindlein putzmunter vor ihnen.

„Nein, so geht das nicht“, stellte das Christkind fest. „Die Kinder dürfen nicht aufwachen, sonst ist doch die Überraschung dahin!“, sagte es anschließend zu seinen Englein. Diese sahen das Kind unsicher an. „Aber Christkind, sollen wir nicht laut die frohe Botschaft verkünden?“, fragte eines der Englein unsicher. Nachdenklich betrachtete das Jesuskindlein seine Engelsschar, wie sie so glitzerten und funkelten. Etwas unsicher wog es den Kopf hin und her. „Lasst einfach die Trompeten und Lichter weg, dann sollte es schon klappen!“, beschloss das Kind.

Kaum hatte sich das Christkind wieder ins Bett gelegt, die blauen Augen geschlossen und sank langsam ins Reich der Träume, da starteten die Engel einen neuen Versuch. Ganz ohne weithin schillernden Lichtern und schallenden Trompeten machten sie sich ans Werk. Weit waren sie noch nicht gekommen, als mit einem lauten Knall die Tür in Schloss fiel. Ganz erschrocken drehte sich der Engel um und schlug auch schon mit seinen schneeweißen Flügen den Kleiderständer laut krachend zu Boden. Die nächste Drehung des himmlischen Wesens beförderte nun die Blumenvase ebenfalls unsanft von dem Tisch. Klirrend zersprang sie in tausend Stücke. Ganz zerknirscht sah der Engel von dem Scherbenhaufen auf und direkt zum Jesuskindlein. „Christkind! Wie sollen wir uns leise und umgesehen durch diese kleinen Häuser bewegen? Unsere Flügel sind viel zu groß und alles wackelt hier, sodass bereits ein kleiner Luftzug genügt um alles ins Chaos zu werfen!“, klagte der Engel, offensichtlich der Verzweiflung nahe.

Das Christkind lächelte sanft und sagte zu seinen Engeln: „Keine Angst! Wir werden eine Lösung finden.“ „Genau! Unser Christkind hat Recht. Wir sind die Himmlischen Heerscharen und wenn wir keine Lösung finden, wer dann?“, stimmten sie im Chor mit ein. Mit einem strahlenden, aufmunternden Lächeln begab sich das Kindlein wieder ins Bett um den aufgeregten Engeln eine neue Chance zu geben.

Nur leider stellte sich schnell heraus, dass die Englein trotz aller Versuche und Tricks einfach nicht so richtig leise sein konnten. Das eine Mal krachte ein Fenster zu und das andere Mal wurden die Teller zerdeppert. Und jedes Mal musste das Christkind die Engel wieder beruhigend und ihnen gut zureden.

Nach scheinbar endlosen Versuchen, das Christkind hatte schon lange aufgehört zu zählen, begab es sich wieder ins Zimmer und wollte sich hinlegen. Nur irgendetwas stimmte nicht! Das Jesuskindlein konnte nicht den Finger darauf legen, aber etwas war anders als sonst. Die Möbel standen alle noch gleich, das Bett war sauber und auch der Boden zeigte keine Spuren. Nachdenklich tapste es zum Bett und sah sich nochmal genau um. Aber wieder konnte das Kindlein nichts entdecken. Mit einem leichten Stirnrunzeln legte es sich ins Bett.

Kaum hatte das Christkind die Decke über sich gelegt und sich schön eingemummelt, da kitzelte etwas an seinen Füßen! Leise kichernd hob das Kindlein die Decke an. Dort unten, direkt neben den Füßen, leuchteten zwei Augen frech hervor und als das Jesuskindlein die Decke ganz wegnahm sah es die Katze dort gemütlich liegen. Diese schien sich nicht an der Entdeckung zu stören sondern rollte sich einfach etwas fester zusammen. „Katze! Wie bist du nur an den Engeln vorbei gekommen?“, fragte das Christkind überrascht.

Die Katze, ganz gemütlich, reckte sich und streckte sich und sah das Kindlein verwundert an. Kurz leckt sie sich über das Näschen und antwortete: „Christkind, deine Englein sind so laut, dass es gar keine Mühe machte mich zwischen ihnen hindurch zu schleichen. Die Großen stoßen überall an und die Kleinen können kaum fliegen mit ihren Lasten.“
Das Jesuskindlein sah die Katze nachdenklich an und lächelte dann. „Kätzchen, willst nicht du meinen Engeln das Schleichen lehren?“, fragte es fröhlich. Die Katze sah das Christkind mit großen Augen an und meinte nach einigem Nachdenken: „Ich will es zumindest versuchen!“

Und damit konnte das Christkind der Engelsschar verkünden, dass ein Meister der lautlosen Bewegung ihnen helfen würde. Zuerst waren sie nicht sonderlich begeistert darüber, dass eine Katze ihnen beibringen sollte leise zu sein, noch dazu eine, welche es durch ihre Reihen geschafft hatte. Doch die Bedenken lösten sich schneller in Luft auf als Schnee im Sommer schmilzt. Die Katze allerdings hatte ihre liebe Not mit den Engeln. Alleine ihnen zu erklären warum nur die kleinen Engel nach drinnen dürfen während die Größeren die schweren Geschenke schleppten, kostete sie einige Nerven. Zum Glück war das Christkindlein von den Ideen der Katze sehr angetan und nach einigen Versuchen lief alles beinahe perfekt. Falls jemand die alte Hütte im Walde zu dieser Zeit besuchte sahen sie nur eine Katze, welche scheinbar sinnlos in die Luft starrte.

Dank der Hilfe der Katze waren die Englein am ersten Weihnachtsfest genau so still und leise wie das Christkind es sich wünschte. Und wenn ihr heute eine Katze scheinbar sinnlos in die Luft starren seht, dann denkt daran, dass sie vielleicht gerade ein paar Englein Unterricht im Schleichen gibt.

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Freche kleine Katze mit einer Leidenschaft für Bücher und Geschichten :3 Meow!
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6 Antworten zu Wie die Engel das Schleichen lernten

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  5. Monika-Maria Ehliah schreibt:

    Deine Geschichten sind einfach zauberhaft und wunderbar und
    sie rühren mich zu Freuden-Tränen.
    Segen dir – Segen euch!
    M.M.

    Gefällt 1 Person

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